Alles begann wie üblich: Mit einem einfachen Chat bei Grindr. Seine Profilfotos waren zwar okay, aber meiner Meinung nach war er nicht ganz mein Typ. So blieb es ein paar Wochen bei einfachem Smalltalk ohne viel Inhalt. Wenige Wochen später sah ich ihn durch Zufall unten an meinem Haus vorbeigehen – und ich dachte: Nice, der sieht im realen Leben echt cute aus. Und so schrieb ich ihn direkt an und überzeugte ihn von einem Date.
Schon kurze Zeit später saßen wir an einem sonnigen Abend in einer Bar in Hannover. Wir verstanden uns auf Anhieb gut, die üblichen körperlichen Signale wie Blicke in die Augen und Streicheln am Arm waren schon nach 60 Minuten automatisiert. Zwei Flaschen Wein später landeten wir im Bett, wen sollte es auch überraschen. Ich war gerade in der Auszugsphase meiner Wohnung, also taten wir es auf der auf dem Boden liegenden Matratze. Und es war wirklich nice, wir wachten am nächsten Morgen zusammen auf.
Random Hookup vs. echte Verbindung
Danach: Funkstille. Vielleicht war es ein einfacher One-Night-Stand? Ich wollte es ungern dabei belassen, dachte oft an den Abend und die gemeinsame Nacht. Und wie ich so bin, schrieb ich ihm natürlich nicht, sondern wartete ungeduldig auf eine Nachricht von ihm – in der Hoffnung, dass es ihm genauso gut gefallen hatte. Es sollte fast zwei Wochen dauern, bis die Nachricht kam. Und von diesem Moment an beschleunigte sich alles enorm. Wir hatten viel Kontakt, sehr viel Sex und verbrachten viele Nächte zusammen. Wir gingen ins Kino, in Bars oder zusammen essen. Die klassische Dating-Phase begann. Nach dem Ende meiner letzten Beziehung, die ca. 18 Monate zuvor zu Ende gegangen war, war er der erste Mann, der mein Interesse über Sex hinausgehend wecken konnte.
Zugegeben, ich war ein bisschen verknallt in ihn – vermutlich sogar schon seit dem ersten Date. Nach ein paar Monaten befanden wir uns dann in einer Beziehung. Und schnell fiel auf, dass wir im normalen Leben nicht viel gemeinsam hatten. Wir verstanden unsere Jobs gegenseitig nicht, unser Musik- und Filmgeschmack war völlig unterschiedlich, und auch unsere Hobbys waren nicht wirklich ein Match. Aber eines war da: eine unfassbare körperliche Anziehung. Eine so starke körperliche Anziehung hatte ich noch nie in meinem Leben empfunden. Ich konnte den ganzen Tag mit ihm kuscheln, mit ihm Sex haben oder ihm einfach in die Augen schauen. Auch nach vielen Stunden im Bett nahm ich keinerlei Körpergeruch von ihm wahr. Die Chemie hat nicht nur gestimmt, sie war perfekt. Die Natur hat es scheinbar so eingerichtet, dass wir genetisch perfekt zueinander passen – auch wenn sie nicht bedacht hat, dass wir wohl keine Kinder zeugen können.
Aufgrund der Tatsache, dass wir in vielen anderen Bereichen nicht zusammenpassten, gab es in der Beziehung schnell Probleme. Meine Eifersucht knallte da manchmal ziemlich rein. Ihm war Freiheit wichtig, er bestand auf eine offene Beziehung. Ich gab dem eine erneute Chance und hatte gehofft, dass ich damit leben kann. Dem war nicht so. Ich werde einfach sauer, wenn er einen anderen Menschen küsst.
Wenn man eine Beziehung nach ein paar Jahren öffnet, wenn der Sex weniger geworden ist oder man einfach mal jemanden Neues im Bett braucht, kann ich das noch verstehen. Aber von Anfang an? Nein, das ist nichts für mich. Auch wenn gefühlt die meisten Gays kein Problem damit haben, kann ich damit nicht umgehen. Für mich ist die körperliche Komponente in einer Beziehung extrem wichtig, und ich kann Gefühle nicht von Sex trennen. Viele Menschen haben dieses „Feature“, ich leider nicht – so sehr ich es mir auch wünschen würde.
Auf einer Party im Oktober des gleichen Jahres kamen meine Gefühle dann raus: Eifersucht. Ich machte Schluss – noch auf der Party. Es funktionierte einfach nicht. Am nächsten Tag trafen wir uns nochmal zum Reden und zum „Abschluss-Sex“ – auch wenn das bescheuert ist. Wir brachen den Kontakt ab und wussten beide, dass es wohl das Beste ist.
Die nächsten zwei Wochen waren für mich der pure Horror. Mir war zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst, wie viele Gefühle ich scheinbar für ihn hatte. Ich konnte tagelang nur mit Schlafmittel oder gar nicht schlafen, war nicht imstande zu arbeiten, meine Gedanken kreisten nur um ihn. Eine seltsame Trennung – auch das hatte ich vorher noch nie erlebt. Ich versuchte ihn zu vergessen und lebte mein Leben weiter.
Die Zeit heilt alle Wunden?
Spulen wir ein halbes Jahr vor, in den Mai des nächsten Jahres. Nach einer durchzechten Partynacht an einem Sonntag erzählte mir mein bester Freund, dass er – also der Mann, um den es in dieser Story geht – ihm geschrieben hatte, dass er noch oft an mich denkt. Das war die Reaktion auf ein gemeinsames Foto von mir und meinem besten Freund auf Instagram. Ich hatte einen Bart, was ihm sehr gefallen hatte. Vorher hatte ich nie einen Bart getragen. Naja, ich hatte auch noch oft an ihn gedacht.
Seit einem halben Jahr hatte ich ihn nicht mehr gesehen, obwohl wir nur 300 m voneinander entfernt wohnen. Immer wenn ich an seiner Wohnung vorbeiging, dachte ich an ihn und hoffte, ihn durch Zufall zu sehen – doch es passierte nicht. Doch an diesem Tag, nur ein paar Stunden nach einer Instagram-Nachricht an meinen Freund, passierte es: Wir sahen uns durch Zufall im Hauptbahnhof, sprachen für ein paar Sekunden miteinander. Er sagte mir, wie sexy ich mit Bart aussehe. Wir schauten uns tief in die Augen. Ab diesem Zeitpunkt hatten wir wieder Kontakt – und schnell auch wieder Sex, viel und regelmäßigen Sex. Hatte ich schon erwähnt, dass ich mit ihm den besten Sex meines Lebens hatte? Das ist merkwürdig, da ich nicht gerade ein Kind von Unschuld bin. Und trotzdem kann ich behaupten: Wow, das war wirklich der beste Sex meines Lebens – und das ganz abseits von irgendwelchen Fetischen. Es war schlicht und einfach Vanilla. Ich liebe Vanille.
Mal was Neues: Freundschaft+
Wir hatten uns auf „Freundschaft Plus“ geeinigt und zogen das eine ganze Weile durch. Doch es war nicht nur Sex. Wieder verbrachten wir Nächte zusammen und unternahmen Dinge in unserer Freizeit. Er brachte mich sogar dazu, mit ihm gemeinsam Sport zu machen – wow, das hatte vorher noch niemand geschafft. Ich denke, ich wollte ihm zeigen, dass ich vielleicht doch der richtige Partner für ihn bin. Ich frage mich bis heute, ob ich mich für ihn verstellt habe – aber das ist nicht der Fall. Ich habe mich gut gefühlt. Und wir beide wussten die ganze Zeit, dass es nicht nur Sex ist. Wir waren uns bewusst, dass immer noch Gefühle im Spiel waren, die von Tag zu Tag stärker wurden. Bis zum Oktober zogen wir das so durch, also fast ein halbes Jahr. Dann stellte er mir die Frage: Steve, willst du wieder mit mir zusammen sein? Natürlich wollte ich das. Und so starteten wir einen zweiten Versuch.
Leider ließen die Probleme nicht lange auf sich warten. Selbstverständlich passten wir immer noch nicht zusammen. Verschiedene Freundeskreise, andere Interessen, und so weiter. Wenn wir an einem Samstag zusammen aufwachten, wussten wir nicht viel miteinander anzufangen. Sex, gemeinsam frühstücken – und dann ging jeder seiner Wege. Mir war bewusst, dass das so nicht lange funktioniert, aber das war mir schlichtweg egal. Zu stark waren meine Gefühle – und die körperliche Anziehung war stärker als je zuvor.
So ca. ein halbes Jahr zogen wir das noch durch, dann zog er die Reißleine. Er liebt mich, aber er liebt sich selbst mehr. Das hat er zu mir gesagt – und ja, ich kann das gut nachvollziehen. Erst zwei Wochen zuvor hatte ich ihm das erste Mal gesagt, dass ich ihn liebe. Ich bin ein Mensch, der dafür sehr lange braucht. Ich spreche das erst dann aus, wenn ich mir sicher bin, dass es stimmt. Daher habe ich diese drei Worte bisher zu sehr wenigen Menschen gesagt. Aber ich verstehe es auch: Man kann sein Leben nicht mit jemandem verbringen, zu dem man nicht passt, egal wie gut der Sex ist – und auch egal, wie sehr man sich liebt. Das Trennungsgespräch war sehr sachlich, und wir waren uns einig. Es war keine Trennung im Streit, und auch dieses Mal gab es ein letztes Mal Dinge, die man eigentlich nicht mit seinem Ex tun sollte.
Naja, ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Ich bin mir sicher, dass ich ihn wiedersehe, vielleicht durch Zufall auf einer Party. Und ich hatte ihm schon bei der Trennung versprochen: Ich werde dich abschleppen. Naja, man lebt nur einmal. Die Liebe meines Lebens kommt bestimmt – wenn es sie irgendwo gibt. Wie Welt ist groß.

