Als ich mein Hotel in Rom Richtung Flughafen verlassen habe, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Mein erster Trip nach England stand auf dem Plan und aus Kostengründen habe ich einen Flug mit Umstieg gebucht – es sollte von Rom über Madrid nach London gehen. Um die eine Stunde Umsteigezeit waren eingeplant, was prinzipiell ausreicht.

Nun ja, es wird aber knapp, wenn der erste Flug schon beim Abheben um die 45 Minuten Verspätung aufweist. So endete mein Kurz-Aufenthalt in Madrid in einem Flughafen-Sprint. In nur 15 Minuten durfte ich nicht nur das Terminal wechseln, sondern musste auch durch eine erneute Pass-Kontrolle – schließlich liegt Großbritannien nicht mehr in der EU. Ich erreichte das Gate ca. 25 Minuten nach Ende des Boarding und genau 3 Minuten vor Abflug. Glücklicherweise wurde ich noch in das Flugzeug gelassen, im Gegensatz zu meinem Gepäck.

Obwohl wir auch Madrid erst mit einer Verspätung von 35 Minuten verließen, erreichten wir London pünktlich. Wie bereits erwähnt leider ohne meinen Koffer, was meine gerade vor zwei Wochen erworbenen AirTags bestätigten. Eine sehr gute Investition, die sich schon jetzt ausgezahlt hat.

Shopping macht Spaß

Im Handgepäck hatte ich lediglich die Sachen, die ich immer bei mir behalte und die auf keinen Fall verloren gehen dürfen – das sind Dinge wie mein Notebook, ein paar Medikamente und mein Reisepass. Glück für mich, dass ich auch einen Regenschirm und eine dünne Jacke im Handgepäck hatte. Wie sich herausstellen sollte, sind diese beiden Dinge in England unabdinglich.

Mir wurde versichert, dass mein Koffer schon am nächsten Morgen den Weg nach London antreten wird – schließlich gibt es jeden Tag unzählige Flüge von Madrid nach London. Und in der Tat konnte ich mit Hilfe der AirTags sehen, dass sich mein Koffer bereits am Mittag des nächsten Tages in London befand – im Terminal 3 des Flughafens Heathrow. Und da sollte er auch bleiben. Das mit der Lieferung am gleichen Tag in das Hotel klappte nicht. Trotz mehrfachen Anrufen und immer neuen Vertröstungen, mein Koffer blieb im Flughafen.

So blieb mir nichts anderes übrig, als fast täglich Shoppen zu gehen, um sich mit dem Nötigsten einzudecken. Unterwäsche und ein Shirt für jeden Tag und natürlich ein Grundbestand an Hygieneartikeln. Im Vergleich zu normalen Menschen braucht man als Schwuler deutlich mehr Hygieneartikel, vor allem wenn man über 30 ist. Ich hoffe, die Airline hat das bei ihrer Kalkulation bedacht. Jeden verdammten Cent, der in diesem Land als Penny bezeichnet wird, werde ich einreichen. Und selbstverständlich kaufe ich kein T-Shirt unter 39 Pfund.

Gay Capital of the UK

Mein erster Stop in England ist Brighton. Das hat zwei Gründe. Zum Einen, weil London einfach unbezahlbar ist und ein Monat in London nur für die Unterkunft mit 3.000 bis 4.000 € zu buche schlagen würde und zum Anderen, weil ich schon oft gehört habe, wie toll (die Szene in) Brighton ist. Und in der Tat: Ich liebe diese Stadt. Mein Hotel, ein kleines Guesthouse mit lediglich zehn Zimmern, ist toll und liegt fast direkt am Strand. Kostenmäßig mit ca. 75 Euro pro Tag wohl okay und im Mittelfeld.

Erst nach meiner Ankunft habe ich festgestellt, warum Brighton inoffiziell als “Gay Capital of the UK” bezeichnet wird. Man wird geradezu von Bars, Clubs und Homos überschwemmt. An mindestens jedem zweiten Laden, egal ob Bar oder Shop, ist die Regenbogenflagge zu sehen. Sogar ein eigenes Ladengeschäft für den “Trans Pride” ist zu finden, was auch immer der Sinn dieses Ladengeschäftes ist. Laut Wikipedia sollen bis zu 20% der 400.000 Einwohner von Brighton schwul oder lesbisch sein. Mein Grindr quillt zwar nicht über und Romeo verwendet hier niemand, trotzdem merkt man gerade auf den Straßen, wie viel Wahres dran ist. Als Schwuler Mann fühle ich mich hier einfach nur wohl.

Die Strandpromenade ist toll. Es gibt einen alten Vergnügungspark auf Stelzen im Meer, so wie man ihn aus Horrorfilmen kennt. Und auch die Holzplanken am Boden erinnern an einen Horrorfilm – morsch wie sie sind fragt man sich, wie viele Menschen pro Jahr wohl in das Meer stürzen. Neben dem Pier mit dem Freizeitpark gibt es noch einen weiteren Pier, der seit Jahren abgebrannt ist und als Ruine auf dem Meer vor sich hin rottet. Eine Art Lost Place auf dem Wasser. Ebenfalls sehr gruselig. Nicht zu vergessen ist auch der fast 175m hohe Aussichtsturm, welcher die zweithöchste Aussichtsplattform des Landes besitzt. Das Ding heißt übrigens Brighton i360.

Was in Deutschland die Schrebergärten sind, sind in Brighton (bzw. in Hove – das ist der Ort direkt nebenan) kleine Holzhütten, die über mehrere Kilometer nebeneinander und in bunten Farben direkt in an der Strandpromenade stehen. Die Besitzer lagern hier ihre Strand-Ausrüstung oder setzen sich direkt davor. An der Zahl sind es fast 500 Stück.

Neue Learnings

Der Trip nach Brighton hat mir bereits jetzt ein paar neue Learnings beschert, die mir für meine anstehenden Reisen wohl noch helfen werden. Ich fasse mal ein paar Learnings zusammen, auch wenn die meisten davon nicht neu sind.

  • Strom-Adapter checken: So ein US-Stromadapter kann toll sein, wenn man in den USA ist. In England hilft er nicht. Neben der Währung hat sich England auch für einen anderen Stecker entschieden. Das wusste ich nicht, ging ich doch davon aus, dass es wie überall in Europa ist. Die erste Anschaffung war also ein neuer Adapter, der mit knapp vier Pfund aber ein Schnäppchen war.
  • Mobiles Internet: Ich hatte bereits das Schlimmste befürchtet und damit gerechnet, dass mobiles Internet nach EU-Austritt teuer ist. Dem ist nicht so. Bei der Telekom ist England in der Ländergruppe 1 inkludiert. Das heißt für mich, dass ich meine 80 GB Auslands-Traffic pro Monat nutzen kann und ebenfalls kostenlos nach Deutschland telefoniere. In der Türkei war das nicht so.
  • Währung und Kartenzahlung: Andere Länder, andere Währungen, andere Zahlungsmodalitäten. In Spanien und auch in Tschechien war ich es gewohnt, mit Karte zu zahlen. Bargeld, vor allem in einer Fremdwährung, ist unnötig. Und so ist es auch in England. Überall ist Kartenzahlung möglich, selbst bei sehr kleinen Beträgen. Allerdings gilt zu berücksichtigen, dass Amex-Karten nicht überall akzeptiert werden und je nach Kreditkarten-Anbieter hohe Gebühren für die Währungsumrechnung anfallen können, wenn das Kreditkartenkonto in Euro geführt wird. So habe ich mir die Verwendung meiner comdirect Debit-Kreditkarte zum Beispiel sehr schnell abgewöhnt.
  • AirTags: Hatte ich oben schon erwähnt – in jedes Gepäckstück einen AirTag zu packen ist eine wirklich sehr gute Idee. So wird man direkt per Benachrichtigung informiert, wenn man sein Gepäck mal wieder besoffen irgendwo rumliegen lässt und kann im Falle des Verlustes auch sehen, wo genau sich das Gepäck befindet, z.B. im Terminal 3 im Flughafen in London.
  • Coworking-Spaces checken: In fast jeder größeren Stadt gibt es einen Coworking-Place der Firma WeWork. In kleineren Städten (unter 1 Mio. Einwohner) ist das nicht ganz so einfach, hier ist ein bisschen Recherche und ein bisschen Umgewöhnung nötig. Schon bei der Buchung der Unterkunft sollte man also die Entfernung zum nächsten geeigneten Coworking-Space checken, wenn man vorhat vor Ort zu arbeiten.
  • Notfallkit anlegen: Die Idee war neu für mich. Auch im Handgepäck macht es Sinn, ein paar Kleinigkeiten dabei zu haben, falls der Ernstfall des Gepäckverlustes eintritt: Eine kleine Tasche mit Unterwäsche für 2 Tage, ein Shirt zum Wechseln, eventuell notwendige Medikamente und Cremes und die wichtigsten Hygiene-Artikel wie Zahnbürste, Deo und manuellem Rasierer. Ja, der Rasierer ist für mich wirklich wichtig, da ich es unbedingt vermeiden möchte, nach dem Gepäckverlust nach wenigen Tagen auch noch auszusehen wie Chewbacca. Man hat ja wirklich genug Probleme.

Und wie ist das mit dem Koffer ausgegangen? Nach acht Tagen war immer noch kein Gepäck da, so bin ich auf dem Rückweg Richtung London persönlich am Flughafen vorbeigefahren und habe mich durch Personen und Kontrollen gekämpft. Mein Koffer war da – er stand ganz einfach neben dem Gepäckband rum – seit über einer Woche. Niemand hatte sich auch nur im Ansatz darum gekümmert. Trotzdem war ich sehr froh, meinen Koffer endlich wieder zu haben.